Red Hat zu Blue Hat? Als ehemaliger Mitarbeiter von IBM …

31 Oktober 2018 Ein Kommentar Autor: Jürgen (jdo)

Ich möchte den Deal IBM kauft Red Hat mal aus einer etwas anderen Sicht betrachten und zwar aus einer persönlichen Note. Ich war selbst Mitarbeiter von IBM, allerdings wider Willen und hab es dort auch nicht lange ausgehalten. Mit Red Hat verbinde ich viele positive Erinnerungen, da es die erste Distribution war, die ich intensiver nutzte.

Meine Geschichte mit Red Hat

Red Hat und später Fedora haben mich lange begleitet. Red Hat habe ich auf dem Desktop bereits als Version 7 eingesetzt und auch bis 9 beibehalten. Witzigerweise lief bei mir Red Hat 9 auf einem IBM Thinkpad X20 und das ziemlich lange. Viele meiner Kollegen haben damals auf SuSE geschworen, aber mir war Red Hat immer sympathischer. Ich kann nicht mal sagen, warum – es war einfach so.

Mit de Auskopplung von Fedora als Community Edition gab es den Vorteil, dass neue Funktionen und Software schneller ausgeliefert werden konnten. Allerdings wurden die Versionen nicht so lange unterstützt und es musste neu installiert werden. Das machte aber nichts aus, denn die neuen Funktionen und so weiter waren viel spannender.

Ich kann nicht mehr genau sagen, wann ich bei Ubuntu beziehungsweise Linux Mint gelandet bin. Der Grund war aber, dass bei Ubuntu und Mint der Desktop eher im Vordergrund standen. Als Anwender musste ich weniger nachinstallieren und so weiter. Für Kenner der Szene muss ich eigentlich nur MP3-Unterstützung erwähnen. Die Fedora-Entwickler haben eben alles außen vor gelassen, was nicht Open Source ist und das sehr konsequent, das muss man anerkennen. Bequemer waren aber andere Distributionen.

In der Zwischenzeit liebäugle ich immer wieder mal zu Fedora, weil mir Canonicals Richtung mit Ubuntu und den Snaps nicht so wirklich taugt. Sollte sich das auf Linux Mint übertragen (was ich nicht glaube, aber vielleicht haben sie irgendwann keine andere Wahl), dann nehme ich eine andere Distribution. Derzeit ist Raspbian für x86 eine mögliche Trotzreaktion. 🙂

Auf jeden Fall habe ich Red Hat nie aus den Augen verloren und vor fast 20 Jahren auch Aktion der Firma gekauft. Das Unternehmen war nie besonders laut oder Angeberisch, sondern hat einfach seine Geschäfte gemacht. Die Aktien haben sich prächtig entwickelt und ich habe sie immer noch.

Red Hat Logo oder T-Rex schlägt Triceratops?

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Was mich mit IBM verbindet

Zu IBM kam ich unfreiwillig. Ich arbeitete damals beim Datenbankspezialisten Informix. Den Namen gibt es tatsächlich immer noch, ist aber komplett in IBM aufgegangen. Du hast vielleicht in der Presse vom sogenannten Blue Washing gelesen. Damit ist gemeint, dass die akquirierte Firma komplett in IBM aufgeht. Das bedeutet auch Prozesse, Branding, Mitarbeiter und so weiter. Das gekaufte Unternehmen wird sich komplett einverleibt.

Das Schlimme daran ist, dass es die Unternehmenskultur der anderen Firma komplett zerstört. Wir hatten bei Informix ein sehr familiäres Verhältnis. IBM hingegen war die schlimmste Behörde, in die ich jemals gesteckt wurde. Alles war kompliziert. Für alles musste man irgendwas in diesem unsäglichen Lotus Notes ausfüllen. Was früher einen Telefonanruf gedauert hatte, verschlang nun einen halben Tag internen Verwaltungskram.

Mit meinem neuen Chef habe ich mich von Anfang an nicht verstanden. Er kam gleich nach dem Studium zu IBM und war durch und durch blau – in meinen Augen war es ein unbeweglicher Korinthenkacker, der mit seiner internen Prozessgeilheit einfach nur Arbeitsverhinderung betrieb. Produktives Arbeiten wurde immer wieder durch internen Verwaltungsscheiß gehindert, gestört oder verhindert.

Dabei waren die Aussichten bei IBM auf dem Papier gar nicht so schlecht. Uns hätte noch eine Betriebsrente gewunken und es gab viele anderen Annehmlichkeiten für Sportvereine, Fitnessclubs und so weiter. Das Problem an dieser Stelle war nur, dass hier Behörde auf Vereinsmeierei getroffen ist und das war noch schlimmer. Auf jeden Fall waren die Aussichten, fast 40 Jahre bei dem Verein für etwas Betriebsrente nicht tragbar. Allein der Gedanke machte mich depressiv.

Ich habe es fast 3 Jahre versucht, aber nachdem das Blue Washing abgeschlossen war, ging es einfach nicht mehr. Viele meiner Kollegen sind ebenfalls gegangen, weil es ein absoluter Kulturschock war.

Ich hoffe sehr, dass Red Hat eigenständig bleibt

Es ist lange her, dass ich bei IBM war. Liest man sich aber die einschlägigen Artikel zu dem Deal IBM kauft Red Hat durch, dann hat sich wohl nicht so viel geändert. Ich finde es auf der einen Seite echt schade, dass IBM den Linux-Distributor Red Hat schluckt, auf der anderen Seite könnte es tatsächlich eine Chance sein.

IBM hat immer noch einen guten Ruf und sie mussten sich bewegen, weil sie die Cloud sowieso schon zu lange verschlafen haben. Sollte Red Hat eigenständig bleiben dürfen, haben sie mit IBM sehr wahrscheinlich einen echten Verkaufsmotor als Antrieb. Das könnte tatsächlich klappen, also eine enge Partnerschaft zweier eigenständiger Unternehmen. Ich sehe es nicht so dramatisch wie einige andere aus dem Open-Source-Umfeld, die „Das Ende ist Nahe“ predigen, aber nur, wenn sich IBM minimal in Red Hat einmischt.

Sollte allerdings doch irgendwann das Blue Washing eintreten, kann ich mir nicht vorstellen, dass viele Mitarbeiter von Red Hat den Grusel mitmachen. Von einer schnuckeligen Firma mit einer coolen Unternehmenskultur in die Behörde integriert werden, kann ich nicht sehen. Sollte das eintreffen, bekommt Red Hat einen Klotz ans Bein, der sowohl Innovation als auch Kultur der Linux-Distribution kaputt macht. Da bin ich mir relativ sicher. Ich habe es selbst miterlebt und in meinen paar Jahren bei IBM mehrfach gesehen. Die waren damals ordentlich auf Einkaufstour und haben vielen Firmen die Dynamik ausgewaschen.

Angekündigt hat IBM, dass James Whitehurst weiterhin CEO von Red Hat bleibt und direkt Ginni Rometty unterstellt ist. Im Moment sieht es so aus als würde sich IBM möglichst wenig in Red Hat einmischen. Aber man wird sehen müssen, wie groß der Einfluss über die Jahre sein wird. Red Hat ist Klasse und noch mag ich Dich. Wirst Du aber Blue Hat, dann tust Du mir jetzt schon leid.

Ich habe noch ein paar Q-Einladungen übrig, aber nicht mehr viele!

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Ein Kommentar zu “Red Hat zu Blue Hat? Als ehemaliger Mitarbeiter von IBM …”

  1. onli sagt:

    Hey, Danke für deinen Einblick. Es ist interessant etwas fundiertes über das Gebaren IBMs bei solchen Firmenkäufen zu lesen.

    Ich würde aber darauf tippen, dass IBM sich über kurz oder lang sehr einmischen wird. Das passiert bei solchen Übernahmen doch immer, man denke an Flickr damals oder an Whatsapp als neueres Beispiel. Und da Redhat so eng mit dem Linuxdesktop verwoben ist haben wir dann insgesamt diese Bürokratie, die den steuert. Man kann nur hoffen dass die Softwareprojekte sich dann diesem Einfluss entziehen, aber bei den letzten Redhat-Horroreinflüssen wie systemd ist die Masse ja willfährig mitgelaufen. Ich sehe schwarz, äh, blau.

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