Ein Netzwerk-Manager einer Schule spricht: Ein Jahr mit dem Linux-Desktop

5 Juli 2013 8 Kommentare Autor: Jürgen (jdo)

KDE 4 LogoBei KDE wurde ein sehr interessantes Interview veröffentlicht. Es wurde mit Malcolm Moore geführt, der Netzwerk-Manager in der Westcliff High School for Girls Academy (WHSG) im Süden Englands ist. Grund für das Gespräch war, dass die Schule vor einem Jahr auf Linux mit KDE als Desktop-Umgebung umgestiegen ist. Moore erzählt, wie sich den Schülern eine Welt ohne Windows so gefällt. Ungefähr 240 Schüler besuchen das Bildungsinstitut.

Zunächst einmal wird nach dem Grund gefragt, warum man sich für Linux auf dem Desktop entschieden hat. Einer der Gründe waren natürlich die Kosten. Aber man hatte Linux-Know-How sowieso im Haus, da Email-Server und eine virtuelle Lernumgebung unter Linux betrieben werden. Nicht nur die Kosten, sondern auch aus Prinzip hat man den Schritt der Umstellung gewagt. Dennoch komme Windows oft mit versteckten Kosten, die nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind.

Weiterhin ändere sich die Welt rasend schnell und Windows ist nicht mehr das dominante Betriebssystem – wenn man mobile Geräte mit einbezieht. Da sich die Schule sehr stark im wissenschaftlichen Umfeld bewegt, müsse man in diesen Tagen einfach mit Linux umzugehen wissen.

Um den Schülern das neue Betriebssystem so schmackhaft wie möglich zu machen, brauchte man etwas hübsches – das Auge computert schließlich mit. Moore weiß, dass viele Lieblings-Distributionen haben. Er selbst kennt nur die RPM-Welt und deswegen wurden Red Hat und SUSE/openSUSE ausprobiert. SUSE/openSUSE bekam dann wegen der guten KDE-Unterstützung den Zuschlag. Man hat den Schülern auch GNOME und KDE vorgesetzt. Die Akzeptanz bei KDE war laut eigenen Angaben allerdings wesentlich höher.

Für die Workstations brauchte man keine neue Hardware. Einer der Hauptgründe für Linux war auch, dass das Open-Source-Betriebssystem auf älterer Hardware läuft. 400 Schüler-Rechner alle drei bis vier Jahre zu ersetzen würde Unmengen an Geld verschlingen. Viele Schulen könnten sich das einfach nicht leisten.

Den Umstieg vollzog man in den Sommerferien 2012. Man ist in keine großen technischen Schwierigkeiten gelaufen – später zwickte es laut Moore aber schon dann und wann.

Moore wurde auch gefragt, was gegenüber den alten Systemen fehlt. Die Studenten benutzen ausschließlich Linux. Die Angestellten der Schule sind aber auf Windows 7 unterwegs. Gäbe es einen SIMS-Client (Schools Information Management System) für Linux, wäre die komplette Schule umgestellt. In Sachen Lernsoftware fehlt gar nichts. Allerdings muss man einige Windows-Programme mithilfe von Wine laufen lassen. Das dient auch der Übergangszeit, damit sich Schüler langsam an Alternativen gewöhnen können.

Moore erwähnt auch den Einsatz von Raspberry Pis. Wichtig hier sei, dass Schüler experimentieren und dabei Schul- oder Home-Rechner nicht kaputt konfigurieren können. In der WHSG kommen die Kinder bereits ab dem 7. Lebensjahr mit Programmierung in Berührung. Sie können aber maximal in ihrem eigenen Konto Schaden anrichten.

Moore lobt außerdem die Unterstützung von der KDE- und der openSUSE-Community. Mehrmals hätte er Anfragen gestellt und immer hilfreiche Antworten bekommen. Allerdings sei das KDE-Forum höflicher gewesen. Das liegt laut seiner Aussage auch an manchen Frage, die er nicht ganz klar im openSUSE-Forum gestellt hat. Allerdings sagt Moore, dass die Schule nur drei IT-Leute hat und RTFM (Read The Fucking Manual) keine Option ist. Hätte man alles von Grund auf erforschen müssen, wäre Linux in dieser Schule auf dem Desktop nicht passiert. Auch wenn man ihn dann und wann einen Idioten genannt hätte, würde er die Foren ohne weiteres empfehlen.

Vor allen Dingen sei die Akzeptanz bei den jüngeren Schülern hoch. Ältere sind etwas weniger flexibel. Einige davon denken immer noch, dass man Microsoft Word unbedingt braucht. In Sachen Windows 8 sind sich jedoch alle einig – das hat keinem gefallen. Die Idee von Windows XP auf Windows 7 zu gehen hat so vielen missfallen, wie der Linux-Umstieg. Hier hielt man sich laut Moore die Waage.

Alles sei aber nicht toll gelaufen. Das Hauptproblem war Systemgeschwindigkeit und vor allen Dingen das Anmelden an KDE Plasma. Man hat mit 60 Rechner getestet und es war schwierig, die Schüler in der Mittagspause zum Testen zu bewegen. Weiterhin musste man sich auch noch um die 400 XP-Rechner kümmern. Als Fazit kann man sagen, dass Linux gut auf alten Kisten läuft. Wenn man allerdings mit LDAP-Authentifizierung und NFS-Home-Verzeichnissen hantiert, braucht man ein Gigabit-Netzwerk. Deswegen musste man acht Switche austauschen und die Schule auf Gigabit umrüsten. Das war sowieso geplant, aber so musste man nun schneller als erwünscht handeln. KDE und NFS machte auch Probleme, die zum Teil aber mit späteren Versionen aus der Welt geschaffen wurden.

Auf die Frage wie KDE den Umstieg einfacher hätte machen können antwortet Moor: Dokumentation! Bei KDE könne man alles konfigurieren und die Standards in openSUSE sind gut brauchbar für Heimanwender. Für eine Schule müsse man aber diverse Anpassungen machen. Das war harte Arbeit. Moore ist sich aber auch bewusst, dass sich die Welt heute so schnell dreht, dass die Dokumentation beim Druck bereits wieder veraltet ist. Es gibt keine einfach Antwort auf dieses Problem.

Den Schülern (bis auf wenige, die GNOME verwenden) gefällt an KDE besonders, dass sie den Desktop so konfigurieren können, wie ihnen das gefällt. Moore will den Schülern aber nicht den Spaß am Computing nehmen und ihnen bewusst das Gefühl eines Personal Computers bereitstellen. Es macht immer mehr Spaß, wenn man Dinge personalisieren kann. Hier sieht man tolle Erfolge, weil sich die Schüler um ihren eigenen Desktop kümmern. Ein “Friss oder Stirb”-Desktop macht einfach weniger Spaß.

Einige schlaflose Nächte hatte Moore schon und laut eigenen Angaben stand er dann und wann am Rande des Wahnsinns. Aber er würde es ohne Zögern wieder tun.

Tolle Geschichte und toller Erfolg. Diese Schule in England hat sich offenbar durch hohen Einsatz aus den Fesseln Microsofts befreit und stempelt das Ganze als vollen Erfolg ab.  Man wünscht sich mehr solcher Geschichten – vor allen Dingen aus der Heimat!!!

Das mit den Foren hat mich zum Überlegen gebracht. Vielleicht sollte man solchen Projekten gleich bestimmte Subforen einrichten. Dann wissen die Mitgleider gleich – die stellen was auf die Beine, können sich aber aus zeitlichen Gründen nicht alles selbst anlesen. Somit vermeidet man Missverständnisse und die Foren-Mitglieder könnten wesentlich motivierter sein, das auf die Beine zu stellen – kann mich aber auch täuschen.



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8 Kommentare zu “Ein Netzwerk-Manager einer Schule spricht: Ein Jahr mit dem Linux-Desktop”

  1. Erik sagt:

    Das mit den Sub-Foren ist gut gemeint, aber ich fürchte mal, es wird nicht klappen.

    Meine Prognose:
    Am Anfang wird tatsächlich auch auf Standardfragen freundlich geantwortet, dann werden schnell alle nur noch dort fragen und der alte Zustand stellt sich ein.

    Besser wäre, wenn die Betreuer der Schule ihre Probleme und gefundenen Lösungen in einer Art von Wiki der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Erfahrungsgemäß sind es oft immer die gleichen oder ähnliche Hürden vor denen ein Umsteiger steht.

    Und Gnome-Shell ist auch gut anpassbar, wenn auch viel versteckter. ;-)

    • jdo sagt:

      Subforen, wo man nur bestimmten Anwender nach Absprache Zugriff gewährt? Öffentlich kann jeder lesen - lernt man ja auch was dabei. Aber das mit dem Wiki ist auch ne Top-Idee und ich gebe Dir Recht. Bei solchen Projekten gibt es bestimmt viele Stolperfallen, auf die die meisten stoßen werden.

  2. Marcus sagt:

    Danke für den Artikel. Wirklich ein schönes Projekt. Der Umgangston in Foren ist teilweise recht rauh. Das hat sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Hier sollten beide Seiten (Hilfesuchender und Helfer) nochmal in sich gehen und schauen wie man das besser Lösen kann. In den meisten Fällen macht der Ton schon die Musik. Wenn man dann noch etwas toleranter gegenüber Anfängerfehlern wird, kann auch schnell und gut geholfen werden (Hier werden Sie geholfen ;))

    • jdo sagt:

      Ich glaube trotzdem, dass man irgendwie solche Projekte vom Standard "Das geht nicht"-Anwender trennen sollte. Es gibt viele, die einfach zu faul zum Nachsehen sind - keine Frage. Aber man kann das eben schlecht unterscheiden. Wüsste man gezielt: Die wollen, haben aber keine Zeit! - wäre der Umgangston sicherlich verständnisvoller. Als Gegenleistung könnte man ja bitten, dass immer wieder Tipps und kurze Berichte kommen, wie man dies und das gelöst hat. Dann würden tatsächlich alle davon profitieren. Aber das sagt sich auch einfacher als getan ...

  3. em sagt:

    Es freut mich wirklich sehr, dass es endlich mal einen positiven Bericht über den Wechsel von Windows zu Linux gibt!

    Einen großen Anteil hatte dort sicherlich auch die Einstellung, dass es zu einer sich stark im wissenschaftlichen Umfeld bewegenden Schule gehört, Linuxkenntnisse auch zu vermitteln. Da das von ihnen tatsächlich gelebt wurde, war die Motivation sicherlich eine andere als bei den Organisationen, die einen Umstieg nur oder vor allem aus monetären Gründen realisieren wollen. Das mit dem “Friss oder Stirb”-Desktop hat mir besonders gut gefallen...

    @jdo
    Ich stimme dir voll und ganz zu, was die Trennung solcher Projekte vom Standard-Anwender angeht, denn solche engagierten Schulen haben nun einmal nur ein bestimmtes finanzielles Budget zur Verfügung, welches letztlich auch die persönliche Motivation limitiert. Wenn dafür aber eine Dokumentation o.ä. als Dank entsteht, die vielleicht von WerkstudentInnen erstellt werden könnte, sollten doch eigentlich alle von diesem Konstrukt auf die eine oder andere Art profitieren.

  4. Matthias sagt:

    Ich denke PC-BSD KDE ist hierbei vielleicht die sinnvollste Variante, falls die Hardware passt.

  5. […] Einer der Hauptgründe für Linux war auch, dass das Open-Source-Betriebssystem auf älterer Hardware läuft. 400 Schüler-Rechner alle drei bis vier Jahre zu ersetzen würde Unmengen an Geld verschlingen. Viele Schulen ...  […]

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