Richard Stallman nennt Ubuntu Spyware

8 Dezember 2012 15 Kommentare Autor: Jürgen (jdo)

FSF - Free Software Foundation Logo 150x150Im Blog der Free Software Foundation gibt es harsche Kritik für Ubuntus Online-Suche von einem der schillernsten Gestalten, wenn man über die freie Software-Bewegung spricht: Richard Stallman. Er schreibt, dass ein großer Vorteil von freier Software ist, dass die Community andere Anwender vor schädlicher Software schützt. Ubuntu sei nun das Gegenteil geworden. Das Nachfolgende ist aus seinem Gehirn und seiner Feder. Also nicht auf mich einprügeln, wer damit nicht einverstanden ist – ich äußere am Ende meine Gedanken dazu.

Proprietäre Software könne mit Problemen für den Anwender kommen. Stallman zählt dazu Überwachung, digitale Handschellen (DRM / Digital Rights Management), Hintertürchen und so weiter. Programme, die so etwas tun seien Malware (Schadcode) und sollten auch als solche behandelt werden. Als weitere Beispiele für der Ritter für Software-Gerechtigkeit Windows, die iDingen und Amazons Kindle an. Auch Android und die meisten Smartphone-Hersteller werden in diesem Zusammenhang genannt.

Die Community kümmere sich um sich selbst und versucht jeden zu schützen. Die meisten Anwender müssten dafür nicht einmal den kleinen Finger krumm machen. Wenn nciht netter Code in Programmen gefunden würde, kommt irgendwer und erstellt einen korrigierten Fork. Bald daruaf wechselt die Community auf diesen Fork und lässt die schädliche Variante links liegen. In den meisten Fällen würde das verhindern, dass Schadcode in freie Software gelangt, auch wenn man nicht an das Gewissen des Erschaffers appellieren kann.

Allerdings bestätigen Ausnahmen die Regel und zeige der Fall Ubuntu. Hier habe man angefangen, den Anwender zu überwachen. Selbst wenn der Anwender nur etwas lokal sucht, würde eine Anfrage an die Canonical-Server geschickt. Er habe dieses Verhalten auch bei Windows gesehen. Sei Kumpel hat etas lokal gesucht und ein kleine Päckchen sollte an einen Server gesendet werden, blieb aber in der Firewall hängen. Stallman vermutet, dass bliebte Software den Hang zur Malware entwickle. Somit sei es vielleicht kein Zufall, dass Ubuntu die selben Informationen schickt.

Was Ubuntu mit den Informationen macht, ist bekannt. Es bietet dem Anwender diverse Produkte von Amazon an. Stallman ist bekanntlich ein Amazon-Gegner und scharfer Kritiker des Online-Versands. Auch wenn Canonical Amazon durch die Shopping Lense unterstütze, sei das nicht das Kernproblem. Die Spionage sei das Problem. Auch wenn Canonical sagt, dass man keine Informationen an Amazon weitergibt, zählt das für Stallman nicht. Es sei im Prinzip egal, ob Canonical oder Amazon die Daten sammelt.

Es gibt ja schon einige Derivate, die ohne Canoncals Spyware verfügbar sind. Normalerweise würde viele Entwickler nun so einen Plan aufgeben, weil sie Angst haben, dass ihnen die Anwender weglaufen. Canonical gehöre nicht dazu. Stallman denkt, dass Canonical derzeuit so ein Momentum genießt, dass man den üblichen Konsequenzen trotzen kann.

Canonical behaupte außerdem, dass diese Funktion das Internet auf andere Art durchsuche. Das mache das Problem wahrscheinlich nicht größer – aber auch nicht kleiner.

Ubuntu erlaubt den Anwender, diese Funktion zu deaktivieren. Allerdings rechne Canonical auch damit, dass viele Anwender den Standard (ein) bestehen lassen. Dennoch sei die Existenz dieses Schalters keine Rechtfertigung für die eingebaute Überwachung.

Selbst wenn die Funktion per Standard deaktiviert sei, würde sie immer noch Gefahr bergen. Wenn ein lokales Suchprogramm ein Netzwerk-Feature hat, sollte der Anwender explizit jedes Mal gerfragt werden, ob auch ins Netz geplärrt werden soll. Oder man könne es gleich noch einfacher machen, indem man separate Knöpfe für Netzwerk-Suche und lokale Suche anbietet.

Solten einige einflussreiche Community-Mitglieder dieses Problem nur persönlich betrachten, also sie schalten die Überwachung ab, werben aber weiter für Ubuntu, könnte Canonical damit durchkommen. Das wäre ein großer Verlust für die Community freier Software.

Man selbst präsentiere freie Software als Verteidigung gegen Malware – auch wenn es nicht die perfekte Verteidigung ist – die gäbe es nämlich nicht. Auch könne die Community Malware nicht 100% verhindern. Im Falle Ubuntus ist das nämlich genau nicht der Fall.

Allerdings stehe hier viel auf dem Spiel. Es sei ein Unterschied sagen zu können „freie Software spioniert uns nicht aus“ oder „freie Software außer Ubuntu spioniert und nicht aus“.

Deswegen müsse man Canonical weiter beackern, diese Funktion zu reversieren. Jegliche Entschuldigung sei inakzeptabel. Auch wenn man das Geld für die Entwicklung freier Software benutze, würde die freie Software-Bewegung zu viel dadurch verlieren.

Stallman rät all jenen, die sich stark für Linux machen, Ubuntu aus der Liste der empfohlenen Distributionen zu nehmen. Man sollte Leuten eher erzählen, dass Ubuntu die Rote Karte wegen Spionage bekommen hat. Weiterhin enthalte Ubuntu unfreie Software und biete sogar noch unfreie Programme an. Andere in der Software-Community würden einen schlechten Einfluss von Ubuntu bekommen und meinen, dass der Einsatz unfreier Software legitim sei.

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Der Kern des eigentlichen Problem liegt wohl dazwischen. Es gibt die gegenseitigen Hardliner wie Stallman und Canonical. Und wie immer wäre wohl die goldene Mitte der rechte Weg. Natürlich sind Stallmans Ansichten ehrenwert. Aber wenn sich Linux weiter verbreiten soll, dann muss man es dem Nutzer auch entsprechend attraktiv machen – und das geht halt hin und wieder (derzeit) nur mit proprietärer Software (vor allen Dingen Treiber). Auf der anderen Seite wäre es von Canonical schon sehr wünschenswert ein Opt-In-Verfahren (warum nicht während der Installation?) zu implementieren, damit der Anwender selbst entscheiden kann. Ich geben Stallman auf jeden Fall dahingehend Recht, dass man über die Shopping Lense nicht genug Aufklärung betreiben kann. Ganz sauber ist das nicht.

Ich bin ja eher auf der Schiene: Zunächst einmal Anwender auf Linux bekommen. Wenn man sich etwas mehr mit dem System beschäftigt, kommt man vielleicht auf den Trichter und benutzt ganz von alleine eine andere Distribution. Eine Sache, die mich bei Linux fasziniert ist, dass ich meine Neugierde (fast) jeden Tag aufs Neue befriedigen kann. Es gibt so viel zu entdecken und das macht mir einfach Spaß.

Mich wundert, dass Stallman nichts zu Steam für Linux gesagt hat. Die vertickern ja auch Spiele mit DRM – aber ich finde das in diesem Fall gut. Es wird mehr Leute zu Linux bringen. Auch wenn ich Richard Stallman unglaublich schätze, muss ich hier persönlich etwas relativieren. Wenn man nach Vorne will, muss man den Anwendern etwas anbieten. Battle of Wesnoth (auch wenn es ein super Spiel ist) für die nächsten 50 Jahre ist mit Sicherheit der falsche Weg.

Und Steam wäre in Stallmans Augen ja noch viel schlimmer – die peilen an, nicht nur Ubuntu zu unterstützen. Natürlich muss man die Augen offen halten und sehen, dass es nicht schleichend immer mehr und immer mehr wird. Dafür braucht man Leute wie Richard Stallman. Auf der anderen Seite braucht man Firmen wie Canonical, um Linux unters gemeine Volk zu bringen.

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15 Kommentare zu “Richard Stallman nennt Ubuntu Spyware”

  1. Chris sagt:

    Stallmann hat sich zu Steam geäußert.

    "Steam und proprietäre Software ist scheisse, aber wenn die Leute Spiele unter Steam spielen wollen, dann lieber auf einer Open Source Plattform." http://www.golem.de/news/richard-stallman-drm-spiele-nutzen-linux-mehr-als-sie-schaden-1207-93519.html

    • jdo sagt:

      Ah ok ... danke für den Hinweis ... da widerspricht er aber irgendwie auch seiner eigenen Philosophie als Hardliner - ich bin entsetzt! 😉

      • Marcus Moeller sagt:

        Bestimmt ein Übersetzungsfehler 😉

      • Mapcoder sagt:

        Ja, es ist nicht *ganz* so fundamentalistisch, wie man erwarten würde. Aber der Originaltext kommt immer noch ziemlich hardcore rüber: https://www.gnu.org/philosophy/nonfree-games.en.html

        Mit deinen Posts über Steam und sonstige Closed-Source-Spiele bist du aber sowieso schon vom rechten Glauben abgefallen. 😉 Denn, "if you want to promote the cause of freedom in computing, please take care not to talk about the availability of these games on GNU/Linux as support for our cause."

        • jdo sagt:

          Was mir an diesen Schwarz-Weiß-Lagern fehlt, dass man vielleicht oft aneinander vorbeiredet. Trennen wir die Lager einfach mal in "Grundmittel" und "Luxusgüter".

          Ich bin auch der Meinung, dass jeder ein Betriebssystem zur Hand haben sollte, das ohne Probleme auf seinem Rechner läuft und ihm die "Grundmittel" zur Verfügung stellt (Office, E-Mail, Internet ...).

          Steam, andere Spiele und proprietäre Software sind für mich dann die "Luxusgüter", die man kaufen kann, aber nicht unbedingt braucht. Es sind aber auch Extras, mit denen man neue Anwender für Linux interessiert. Wie bereits in einem anderen Kommentar geschrieben ist die Rechnung sehr einfach: Wenn sich von 1000 neuen Anwendern 10 an der Community beteiligen, ist das 1%. Wenn sich von 0 neuen Nutzern 0 beteiligen ... Was man auch nicht unterschätzen darf ist, dass die 990 oben genannten Anwender vielleicht mündliche Werbung machen und somit gibt es wieder die Chance, dass sich weitere Personen an der Community beteiligen. Zumindest denke ich so.

          Wenn man das als Basis nimmt, kann man das den Anwender sehr einfach erklären - Du brauchst nur die "Grundmittel", dann nimm ein komplett freies System. Willst Du Software X, brauchst Du den unfreien Treiber Y oder Client Z und das bietet Dir auf einfache Weise Distribution

  2. Marcus Moeller sagt:

    Wenn ich mich für die Verbreitung von GNU/Linux einsetze, dann kommuniziere ich immer zu Beginn den Freiheitsaspket. Dem Ökosystem bringt es eher wenig, einfach immer mehr End-User zu haben. Linux lebt durch beitragende (egal in welcher Form). Das ist nur mit freier Software möglich.

    • jdo sagt:

      Klar, das tue ich auch - dass man sich in Sachen Betriebssystem nicht einsperren lässt. Um aber neue Nutzer zu gewinnen, braucht man eben Dinge wie Steam oder käufliche (unfreie) Spiele. Ich verstehe auch Stallmans Argumentation: "Wenn wir sie damit durchkommen lassen, werden sie vielleicht einen Schritt weiter gehen." - dennoch bin ich froh, dass es bald endlich mehr vernünftige Spiele für Linux geben wird ... also wenn das Sinn macht 🙂

      • Marcus Moeller sagt:

        Wie bereits geschrieben: Was nützt ein weiterer User dem Linux Ökosystem? Wir brauchen Menschen die Mitmachen, keine Konsumenten.

        Wenn ich jemanden helfe Linux zu installieren, Frage ich ihn immer direkt auch, wie er/sie sich vorstellen kann, etwas an die Gemeinschaft zurückzugeben.

        Dazu gibt es viele viele Möglichkeiten, und jeder sollte einen Bereich finden können, in dem er/sie sich wohlfühlt. Sei es Coden, Übersetzen, Artwork, Promo, Anderen Helfen (Foren/IRC), oder oder oder...

        • jdo sagt:

          Ein weiterer Nutzer nützt schon. Ich zum Beispiel bin in die Computerei über Spiele gekommen. Irgendwann hat mich dann das Ganze mehr interessiert. Wenn man also erst einmal den Nutzer hat, dann besteht die Chance, dass er sich mit der Materie beschäftigt. Hat man den Nutzer erst gar nicht, gibt es auch keine Möglichkeit, dass dieser Anwender in der Community mitmacht.

          • Marcus Moeller sagt:

            Diesen Punkt höre ich immer wieder. Leider ist dem nicht wirklich so. Reine User sind in der Regel Konsumenten, Linux ist aber auch 'Geben', nicht nur 'Nehmen' (und das von Anfang an).

            Wenn man dass Neulingen von Anfang an klar macht, finde ich das den besseren Ansatz.

            Ich helfe übrigens keinen der einfach die Erwartungshaltung hat: 'Fix mir meinen Computer'. Auf Install-Events schicke ich solche Leute auch schonmal wieder nach Hause.

          • jdo sagt:

            Ich verstehe schon, was Du meinst. Ich versuche halt auch in Betracht zu ziehen, dass auch reine Kosumenten indirekt Einfluss auf das große Ganze haben. Je mehr Leute Linux benutzen und damit (wahrscheinlich LibreOffice / OpenOffice), desto höher wird der Druck auf zum Beispiel öffentliche Einrichtungen / Behörden, das MS-Office-Quasi-Monopol bröckeln zu lassen - also steter Tropfen höhlt den Stein.

            Ich finde halt, dass reine Konsumenten eine Ja-Stimme zu freier Software / Open-Source / Linux abgeben. Gibt es mehr Anwender, lockt man damit Entwickler an - die geben ihre Software vielleicht nicht kostenlos her, könnten aber auf der anderen Seite einen wertvollen Beitrag leisten (Bug gefunden, Verbesserungs-Vorschläge) ...

            Es ist kein einfaches Thema und die Meinungen sollen hier auch auseinandergehen. Das sind die besten Voraussetzungen, sich in der goldenen Mitte zu treffen ... 🙂

        • M. Junker sagt:

          hi, ein weiterer nutzer nuetzt schon,
          denn er kann irgendwann auch ein weiterer
          unterstuetzer/helfer in der community werden !

  3. tux. sagt:

    Ich finde es immer wieder bezeichnend, wie das GNU-Lager sich gegenseitig beharkt. 😉

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