Luc Verhaegen über Intel-Canonical-Zänkereien: Aus der Sicht eines Grafktreiber-Entwicklers eine Katastrophe

11 September 2013 2 Kommentare Autor: Jürgen (jdo)

Ubuntu Logo 150x150Hier ist mal noch eine ganz andere Sichtweise zu Intels Reaktion, die Mir-Display-Server-Patches nicht in den Intel-Treiber aufzunehmen. Luc Verhaegen hat einen sehr langen Beitrag dazu geschrieben und seine Gedanken erläutert. Der Post ist wirklich lesenswert, da Verhaegen die Kleinkriegseite fast komplett außer Acht lässt und die Sache aus technischer Sicht betrachtet.

Sehe man von der eigenartigen CLA ab, könne er das Problem mit Mir Display Server nicht wirklich nachvollziehen. Schließlich sei es auch komplett freie Software. Zwar unterstütze er Canonicals Entscheidung auch nicht, aber das sei nicht der Punkt.

Persönlich hasse er, dass man das Rad immer neu erfinden müsse. Das sei ein Hauptgrund, warum Linux auf dem Desktop keinen Fuß fasse. Immer wenn etwas funktioniere, wolle man das besser machen. Immer und immer wieder höre man, dass in ein paar Monaten alles gut sei. Immer und immer wieder treffe aber auch das Gegenteil ein und alles sei kaputter als zuvor. Anstelle etwas Funktionierendes zu haben, hangle man sich von „kaputt zu kaputt“. Bizarrerweise scheine keiner aus diesen Fehler zu lernen. Wayland sei schließlich auch nur das Rad über X neu erfunden. Somit verstehe er nicht, warum man sich über das neue Rad Mir Display Server so aufrege. Er hinterfragt, wer das Monopol habe, das Rad neu zu erfinden.

Intel habe wahrscheinlich die größte Anzahl an Open-Source-Grafikentwicklern überhaupt am Start. So eine Reaktion auf Mir Display Server könnte man deuten, dass der Canonical-Display-Server besser als Wayland ist und somit eine Gefahr für Intel darstelle. Intel habe damit Unsicherheit an den Tag gelegt.

Intel sehe mehr eine Notwendigkeit, mit dem eigenen X.Org-Grafiktreiber Spielchen zu treiben, als die Schlacht Wayland gegen Mir Display Server auszutragen. Somit verhindere man einen Wettbewerb auf neutralem Boden und das sei für alle schädlich. Er zieht einen Vergleich mit RadeonHD gegen Radeon. Als Gewinner sei daraus keiner hervorgegangen.

Die Hauptverantwortung eines Grafiktreibers sei, dem Anwender das Leben auf der eingesetzten Hardware so angenehm wie möglich zu machen. Die XMir-Patches würde in seinen Augen keinen Schaden anrichten. Zur Grafiktreiber-Entwicklung gehöre auch, dass man Bug-Reports von Anwendern erhalte. Ubuntu habe eine große Nutzerzahl. Somit entgehen Intel möglicherweise Bug-Reports bezüglich Ubuntu 13.10 „Saucy Salamander“. Da Canonical selbst für den Patch verantwortlich ist, werden Anwender direkt an die Ubuntu-Entwickler berichten.

Er weist auf die Androidisierung in der Open-Source-Welt hin, im Speziellen libhybris. Diese Wrapper-Bibliothek erlaube den Einsatz von Android-Treibern auf glibc udn somit in einer normalen Linux-Installation. Verhaegen hält dies für sehr gefährlich. Sailfish, Firefox OS und Ubuntu Phone (Mir Display Server) würden bereits damit arbeiten. Diese Firmen machen auch keine Anstalten, mit den offenen ARM-GPU-Treibern zu arbeiten. Der einzige Grund warum er persönlich Wayland über Mir Display Server stelle ist, dass Canonical sofort den libhybris-Weg eingeschlagen hat.

Canonical würde laut Verhaegens Aussage lieber einen richtigen Grafik-Treiber für künftige Projekte einsetzen. Intel könnte Canonical und damit einen den größten Fischen im Tank nun von dem Weg abgebracht haben, Open-Source-Grafiktreiber zu benutzen – stattdessen könnten Android-Binärpakete den Platz einnehmen.

Im Anschluss an den Artikel findet eine rege Diskussion statt. Auch hier ist die Rede davon, dass Intel Canonical auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und sie erinnert hat, dass sie nicht der einzige wichtige Linux-Distributor sind. Verhaegen verneint dies auch nicht und schreibt, dass Canonical den Krieg wahrscheinlich angezettelt hat. Allerdings würde Intel mit Sarin und keinen konventionellen Waffen reagieren. Ihn störe einfach die Art, wie Intel die Sache behandelt habe. Der Maintainer (Chris Wilson) hatte nichts gegen den Patch, wurde allerdings vom Management dazu aufgefordert, diese rückgängig zu machen.

Verhaegens Blog-Beitrag ist wohl der erste Beitrag zu diesem ganzen Thema, der Linux als Betriebssystem und den Anwender in den Mittelpunkt stellt und keine politischen Kleinkriege. Ich habe tiefsten Respekt vor diesem Mann!

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2 Kommentare zu “Luc Verhaegen über Intel-Canonical-Zänkereien: Aus der Sicht eines Grafktreiber-Entwicklers eine Katastrophe”

  1. Ja, ich bin auch ziemlich einer Meinung mit dem Mann - Compiz und Unity sind jetzt endlich super-stabil und schon wird wieder was Neues ausgeheckt.

    Ich erlebe auch immer wieder, daß die neu ausgeheckten Sachen Müll sind. Aus dem heraus (ohne Wayland oder Mir genau zu kennen) kann ich mir schon vorstellen, daß es gute Gründe für Canonical gab, Wayland nicht einfach herzunehmen, sondern wieder etwas eigenes zu machen.

    Leider - und das erlebe ich auch oft - stösst man auch auf Widerstand, wenn man andere Dinge verbessern will und letztendlich, anstatt sich lange herumzustreiten, baut man dann sein eigenes Ding.

    In Zeiten von "agile" scheint es übrigens eine Nebenwirkung zu sein, daß viele Projekte nicht mit dem wirklichen Weitblick aufgesetzt werden und schwups hat man einen Haufen von Altlasten im Produkt, die die Weiterentwicklung bremsen.

  2. johnny sagt:

    Monopole auf Räder? Hier!

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