Kubuntu 12.04 – der perfekte Windows-Ersatz? … also manchmal muss man auch die Kirche im Dorf lassen

13 Juli 2012 4 Kommentare Autor: Jürgen (jdo)

Kubuntu Logo 150x150Ich bin auf einen Artikel – eher eine Liste gestoßen – die sich so nennt: The Perfect Desktop – Kubuntu 12.04. Daran ist in erster Linie nichts auszusetzen, weil das vielleicht die Ansicht des Autors ist. Das Ding aber als „vollen Windows-Ersatz“ anzupreisen ist surreal und schlichtweg falsch.

So, bevor nun das Geschrei losgeht: Ich bin bekanntlich sehr starker Unterstützer der Open-Source-Bewegung, komplett pro freie Software und für Linux sowieso. Aber es nervt mich, dass einige anscheinend nicht verstehen, worum es geht und offenbar nicht die Fähigkeit haben, über den Tellerrand zu schauen.

Der Artikel ist anfangs sowieso nur eine Auflistung von äquivalenten Programmen zur Windows-Welt und danach hab ich sofort aufgehört zu lesen. An der Liste gibt es zu 95 Prozent auch nicht einmal was auszusetzen, aber die verbleibenden 5 prozent haben es in sich und sind sowas von realitätsfremd.

Ich beschränke mich mal auf das Gebiet, das mir unter Linux am meisten zu schaffen macht: Bildbearbeitung und Foto-Entwicklung. Office-Programme nutze ich nur wenig, aber da wären sicher auch einige Probleme in der Interoperabilität zwischen LibreOffice und MS Office zu finden.

GIMP 2.8 Teaser 300x275Ich betone immer wieder, dass es sehr stark darauf ankommt, was der Einzelne mit einem Rechner vorhat. Als ich das gelesen hatte „The GIMP – free software replacement for Adobe Photoshop“ haben sich mir schon alle Haare gesträubt. Ich habe nichts gegen GIMP und benutze das Programm fast täglich – GIMP ist unglaublich geil und ich weiß gar nicht, wie ich das von mir geschätzte Programm am besten loben kann – aber ein Ersatz für Adobe Photoshop ist es nicht – dafür kann Photoshop einfach viel mehr und macht es den Anwendern wesentlich einfacher in diversen Bereichen.

Als Unterwasser-Fotograf, wo man gerne und häufig die unbeliebte Bekanntschaft mit dem so genannten Backscatter macht, säubere ich ein durchschnittliches Bild mit Photoshop CS5 in weniger als 5 Minuten. Klar geht das mit GIMP auch, aber es dauert wesentlich länger, um das selbe Ergebnis zu erzielen – und glaubt mir, ich hab es oft genug versucht. Zum Glück läuft Photoshop unter Wine, wenn es auch kleine visuelle Fehler gibt und ich reize die Software bei Weitem nicht komplett aus, so dass ich über die Stabilität keine Aussagen machen kann.

Corel AfterShot Pro alternativer Überblick

Corel Aftershot Pro

Auch die Sache mit Shotwell … klar reicht es, um Fotos zu organisieren. Wenn ich aber alles aus einem Guss haben möchte, als RAW-Entwicklung, Organisation, Tags und was weiß ich noch alles, dann bietet mir Shotwell einfach nicht genug Funktionen – so gern ich das Programm auch mag. Ich hatte schon mehrmals erwähnt, dass ich mich hier für das kostenpflichte Corel Aftershot Pro entschieden habe – was allerdings auch ein vollwertiger Ersatz für Adobes Lightroom ist. Mein Punkt hier ist, dass man auch bei Linux mal auf professionelle, kostenpflichtige Lösungen hinweisen könnte, weil das Linux als Desktop-System ja an sich nicht abwertet – im Gegenteil.

Das Thema Spiele brauch ich gar nicht erst ansprechen, oder? Das ist mit Aktionen wie Humble Bundle, Kickstarter zwar besser geworden, auch läuft immer mehr unter Wine oder PlayOnLinux, aber ein voller Ersatz? Gut, um fair zu bleiben unterstellen wir dem Autor, dass er von einem Arbeitsgerät gesprochen hat.

Und wo liegt nun mein Problem damit? Weil man den Leuten falsche Hoffnungen macht, erzeugt man eher Frust. Die Erwartungen sind hoch und werden nicht erfüllt. Würde man nur ein klein wenig auf den Putz hauen, könnte man für Linux ebenfalls wunderbar Werbung machen. Es ist eine tolle Desktop-Umgebung, aber ein voller Ersatz ist es nicht. Gebt mal jemanden, der jahrelang mit der Creative Suite gearbeitet hat ein Linux-System und setzt ihm die ganzen einzelnen Alternativen vor. Der erklärt Euch für nicht ganz echt. Natürlich ist es weder die Schuld von Linux noch von KDE, dass Adobe oder andere Software-Hersteller nicht portieren und mir wäre es mehr als Recht, gäbe es vollwertige Open-Source-Alternativen für alles. Ich bin aber auch unter Linux bereit, für gute Software zu bezahlen.

Der Spruch weniger ist mehr, hat in diesem Fall schon seine Berechtigung und ab und zu die Kirche im Dorf zu lassen, würde sicherlich nicht schaden. Dessen Erwartungen nicht erfüllt wurden, der kommt nie wieder. Wem ich Alternativen gezeigt habe und nicht gleich von vollwertigem Ersatz poltere, der geht mit einer ganz anderen Erwartung an die Sache und wird neugierig immer wieder mal vorbeisehen. Es ist also der Unterschied zwischen „Das Linux ist scheiße, das ist ja gar kein vollwertiger Ersatz“ und „Das Ding ist gar nicht so schlecht, für einige Programme bräuchte ich aber noch Ersatz mit der Idee von freier Software kann ich mich aber grundsätzlich anfreunden“ …

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4 Kommentare zu “Kubuntu 12.04 – der perfekte Windows-Ersatz? … also manchmal muss man auch die Kirche im Dorf lassen”

  1. linuxkumpel sagt:

    So ist es, einiges geht mit Open Source bzw. Linux einfach nicht. Das muss ggw. akzeptiert werden. Der Normaluser findet immer einen entspr. Ersatz oder Pendant. Für Profis, die einige Programme beruflich nutzen müssen sind eben noch Grenzen gesetzt. Probleme sind angesprochen worden - muss ich nicht wiederholen. Dann kommen nämlich solche Themen wie "Meine Erwartungen an Linux wurden nicht erfüllt"

  2. Volker Holthaus sagt:

    Hallo,

    ich gebe dir grundsätzlich Recht, dass man die Erwartungen für Neueinsteiger nicht zu hoch schrauben sollte.
    Allerdings muss ich aber auch erwähnen, dass es einiges gibt, das unter Linux hervorragend funktioniert, für das ich unter Windows auch nur schlechte oder gar keine Lösungen finde. Dies befindet sich aber mehr im Netzwerk und Server Administrationsbereich.
    Ich selber nutze ausschließlich Linux, meine Frau ausschließlich Windows und trotzdem reden wir noch miteinander. 🙂

    Gruß

    Volker

    • jdo sagt:

      Stimmt, das gilt genauso andersrum ... nur werden selten Beiträge geschrieben: Windows - der perfekte Linux-Ersatz 🙂

      Mich machen diverse Sachen unter Windows (also wenn ich es mal alle zwei Monate brauche) absolut wahnsinnig. Ich unterstelle dem Schreiber auch nicht mal böse Absicht, aber das Ergebnis ist in meinen Augen kontraproduktiv. Es geht ja darum, mehr Leute für Linux als Desktop zu interessieren - sobald der Markt größer wäre, würde die entsprechende Software automatisch folgen. Ich finde eben das Ziel muss im Moment sein: Leuten das System nahe zu bringen anstelle diese in leere Versprechungen laufen zu lassen.

  3. tomx3 sagt:

    Auch die lieben so genannten "Fachzeitschriften", allen voran "PC-WELT-Linux" und die CHIP-Linuxausgaben versuchen ja auch Otto-Normal-User zu erklären, es wäre ein kostenloses Windows, wo ein paar Programme anders heißen.

    Ich erinnere mich noch gut an eine Titelseite in der Art von: "Unter Linux ALLE Windows-Programme weiternutzen".

    Natürlich macht sich das sicherlich gut für den Absatz der Zeitschriften, aber für den User bringt es nichts.

    Sie kommen mit falschen Erwartungen - und viele sind dann genauso schnell wieder weg.

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